Manche Zelte zu groß, um stabil zu sein, zu klein, um all das Gepäck zu
fassen, zu wenig gespannt, um der heftigen Regennacht in der Mitte der
Woche zu trotzen. Improvisationsgeschick ist angesagt. Was bewegt dazu,
sich Anfang Juli als Schüler und Lehrer auf das „Abenteuer Taizé”
einzulassen, einem kleinen Dorf in der Nähe Clunys?
Die freien Tage? Die französische Küche? Die Sehenswürdigkeiten Burgunds?
Gewiss, Schulunterricht gab es nicht in dieser Zeit, aber der
Tagesablauf war klar strukturiert: Morgengebet - Frühstück -
Bibeleinführung - Gruppentreffen - Mittagsgebet - Mittagessen -
Gruppentreffen oder Arbeit -Tee - Abendessen - Abendgebet. Zusätzliche
Angebote und Termine wie Chorsingen, Workshops oder Regionaltreffen,
Gespräche mit den Brüdern von Taizé sowie das tägliche Treffen als
Bamberger Gruppe, um sich nicht in der Masse zu verlieren. Dazu die
nicht planbaren Begegnungen mit Jugendlichen und jung gebliebenen
Menschen aus aller Welt - in den Essenschlangen, beim Aufladen der
Handys vor den Waschräumen, beim Fußballspielen am Nachmittag oder bei
Musik und Tanz am Abend vor dem „Oyak”, dem Treffpunkt zum Feiern.
Trotz des festen Tagesablaufs so viel Freiheit, Zeit für sich selbst
und für andere - zum Lesen, Nachdenken, Briefe schreiben, Reden,
Musizieren, Tanzen, Flirten ...
Die französische Küche nach Art von Taizé - Wasserkakao mit Baguette
und einem Stückchen Schokolade am Morgen, Eintopfgerichte aller Art,
Obst, Gemüse, Nudeln, Jogurt, Käse und Plätzchen am Mittag und Abend,
Plätzchen und derunverwechselbare Zitronentee am Nachmittag, mit
Keksen, Honigkuchen oder kleinen Gebäckstückchen. Manch einer schafft
hier auch eine zweite oder dritte Runde. Nicht exquisit, aber
vielfältig. Keine Hauptmahlzeit ohne Obst, ein Milchprodukt und etwas
Süßes! Kein Überfluss, aber genug für alle. Geteilte Einfachheit, ein
Zeichen der Gemeinschaft und Solidarität. Für „Notfälle” gibt es immer
noch das „Oyak”, Kiosk, Imbiss und Kontaktbörse. Dazu so manche
heimischen Vorräte aus dem Koffer ...
Die Eindrücke auf dem Gelände rund um Taizé - Zelte in allen Farben und
Formen, einfache Gemeinschaftsunterkünfte, Waschräume, Toiletten - ein
internationaler Jugendzeltplatz mit wenig Sternen und Komfort, aber
viel Atmosphäre. Sanfte Hügel am Horizont, Weiden mit gutmütigen Kühen
oder Pferden, verschlafene Häuser, umrankt von Efeu und bunten Blumen,
malerische Steinmauern, auf denen sich wieselflinke kleine Eidechsen
sonnen. Kühle, leicht neblige Morgenstunden, glimmende Hitze am Mittag
und Nachmittag, stimmungsvolle Abendröte, faszinierender Sternenhimmel.
Im Zentrum der Anlage die Versöhnungskirche, mehrfach durch einfache
Anbauten erweitert, Platz für viele Tausend Menschen auf der Suche nach
Orientierung, nach einem Sinn im Leben, nach Gott. Mehrstimmige Gesänge
und intensive Stille, Gebete und Bibeltexte in allen Sprachen wechseln
sich ab. Niemand wird zum Mitmachen gezwungen. Man sitzt in bequemer
Haltung am Boden oder auf den Stufen, beteiligt sich aktiv oder lässt
sich von den anderen mittragen. In warmen Orange- und Brauntönen der
sonnendurchflutete Altarraum, unzählige Kerzen, überraschende
Lichtreflexe durch die bunten Glasfenster, einfache Ikonen, kleine
Blumengrüße davor. Man muss nicht fromm sein, um sich hier wohl zu
fühlen, zur Ruhe zu finden, Gemeinschaft zu erleben ...
Inmitten der Massen die mehr als 100 Brüder aus 28 Nationen,
verschiedenen Konfessionen und unterschiedlichen Alters, die ihr
Lebensengagement für ein ökumenisches christliches Miteinander in Taizé
abgelegt haben oder sich noch darauf vorbereiten. Außerhalb der Gebete,
je nach Charakter und Zuständigkeit, in bescheidener Zurückgezogenheit
bei der Arbeit oder im lebendigen Kontakt mit den Jugendlichen, in der
Kirche als ruhender Pol in der Mitte des Kirchenschiffes, singend,
betend, ein Zeichen der Gemeinschaft lebend. Sind sie es, die dieses
Stückchen Erde so anders machen mit ihrer Gastfreundschaft, ihrer
Hingabe, ihrem Glaubenszeugnis?
Oder sind es die Jugendlichen selbst, dazu auch etliche Erwachsene und
Familien mit kleinen Kindern, die diesem Ort ihren Stempel aufdrücken
mit ihrer Vielfalt, Unbeschwertheit, Weltoffenheit und überschäumenden
Lebensfreude - Woche für Woche neu? Wo sonst gibt es einen
vergleichbaren Freiraum der Begegnung verschiedener Nationalitäten,
Kulturen, Konfessionen, ein Experimentierfeld der Verständigung über
alle Grenzen hinweg, der zugleich als Oase der Ruhe und persönlichen
Besinnung, für viele gar als ein Stück Heimat erfahren wird?
Vielleicht ist es aber auch die spirituelle Grundbotschaft, die bei
diesen Treffen spürbar wird - die Freude, die Einfachheit, das
Vertrauen, die Vergebung, der Friede, die Liebe Gottes.
All diese Erfahrungen und Eindrücke ziehen Menschen nach Taizé, manche
immer wieder, manche für immer. Das Angebot einer
jahrgangsübergreifenden Schulfahrt, in Taizé bei den Treffen der
Gruppenleiter als „Bamberger Modell” bestaunt, kann den Schritt zu
einer ersten Begegnung erleichtern, Wege für die Zukunft eröffnen. Sich
miteinander aufmachen, Jungen und Mädchen, Teenager und junge
Erwachsene, Schüler und Lehrer, egal ob Taizé-Neulinge oder
Taizé-Begeisterte, Kirchenfromme oder Skeptiker - das gibt Mut,
Hoffnung und Kraft, stärkt den Einzelnen und die Schulgemeinschaft,
auch für den Alltag danach.
Wer spüren will, wie es zu Hause weiter gehen kann, sei herzlich
eingeladen zum Engagement in den Ortsgemeinden, in Jugendverbänden oder
auch am E.T.A., jeden Freitagmorgen zum Taizé-Gebet um 7.40 Uhr in der
Schulkapelle, das von Schülern vorbereitet und musikalisch gestaltet
wird.
Für alle Taizé-Fahrer: Angela Kestler
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