Türkei-Projekt

Klasse 9b untersucht Bamberger Migrationsmosaik

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"Große" und "Kleine" kommen sich näher -
Besuch der Klasse 9b an der Gangolfschule

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Wie winzig diese Holzstühlchen sind! Und wie quirlig die Kinder, die darauf sitzen! Bei der Klasse 9b weckte der Besuch an der Gangolfschule Erinnerungen an alte, längst verflossene Grundschulzeiten. Deutsch als Zweitsprache oder Islamunterricht - schon im Vorfeld stellte sich die "Qual der Wahl" beim Hospitationsangebot im Rahmen des "Türkei-Projekts". Einig waren sich die "Großen" wie die "Kleinen" nach der anschließenden Vorlesestunde in einer ersten Klasse - eine Wiederholung dieser Aktion wäre schön!


Vorinformationen

Im Rahmen des Türkei-Projektes, welches am 29.11.2011 begann, besuchten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9b am Vormittag des 10.01.2012 mit Frau Kestler die Grundschüler der Gangolfschule.
Diese Einrichtung liegt im Zentrum Bambergs und unterrichtet Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse. An der Gangolfschule werden für Kinder, die noch kein Deutsch können, DaZ-Kurse angeboten. DaZ steht für "Deutsch als Zweitsprache" und richtet sich, im Gegensatz zu DaF ("Deutsch als Fremdsprache") vorwiegend an jüngere Kinder, die in Deutschland leben und dort Deutsch lernen müssen, also die Sprache, von der sie tagtäglich umgeben sind. Diese wird ihnen zunächst spielerisch und über Alltagssituationen, dann durch die Vermittlung von Weltwissen beigebracht, während DaF eher wie unser Fremdsprachenunterricht in der Schule mit Vokabellernen und Grammatikübungen abläuft. Da das Angebot DaZ nur an wenigen Grundschulen besteht, kommen Kinder aus ganz Bamberg und dem Landkreis zu dieser Schule.
Unser Projekttag begann mit einem längeren Marsch durch Bamberg zur Gangolfschule, wo uns Frau Mattenklodt und Herr Massarat freundlich in Empfang nahmen und uns in der Eingangshalle letzte Informationen zum weiteren Verlauf des Tages mitteilten. Danach teilte sich die Klasse in zwei Gruppen auf, wobei wir den DaZ-Unterricht wählten.

DaZ-Unterricht

Als wir in die Klassenzimmer gingen, fielen uns zuerst die kleinen Tische und Stühle auf, die auch wir benutzten. Nachdem die Stunde mit der Begrüßung angefangen hatte, stellte die Lehrerin uns und die kleine Gruppe von  Schülern und Schülerinnen der dritten bis vierten Klasse gegenseitig vor. Dabei fiel uns besonders auf, dass die Kinder aus vielen verschiedenen Nationen, auch außerhalb Europas, nach Deutschland eingewandert sind. Es waren Kinder aus der Ukraine, aus Ungarn, Mexiko und Griechenland versammelt. Sie alle erlernten die deutsche Sprache schon seit Längerem und konnten sich gut darin verständigen. So kannten sie zum Beispiel auch schwierige Fachbegriffe wie Sauerstoff oder Kohlenstoffdioxid, welche Frau Mattenklodt ihnen durch anschauliche Versuche und häufiges Wiederholen beigebracht hatte. Auch in dieser Stunde bauten die Schüler mit Hilfe der Lehrkraft ein Experiment auf, nachdem zuerst die Bezeichnungen der Gegenstände besprochen wurden.  Ihre Vermutungen bzw. ihre Erklärungen hielten sie auf einem Arbeitsblatt fest, wobei das Geschriebene jedes Schülers im Nachhinein von Frau Mattenklodt kontrolliert wurde. Damit beendete sie die Deutschstunde und besprach mit uns offene Fragen.

Vorlesestunde in der ersten Klasse

In der folgenden Stunde wurden wir in eine erste Klasse gebracht, wo wir von den Grundschülern schon neugierig erwartet wurden. Die meisten von uns hatten eine kleine Auswahl an Bilderbüchern mitgebracht, weiterer Lesestoff fand sich im Klassenzimmer ausgebreitet. Die Klassenleiterin teilte jedem von uns ein Kind zu, dem wir dann ein Kinderbuch mit vielen Bildern vorlasen oder auch darüber redeten. Wir hatten zum Beispiel eine Schülerin aus Russland, die erst seit ein paar Monaten in Deutschland lebte, aber für diese Verhältnisse schon sehr viel vom Inhalt der Bücher verstand. Auch die anderen Erstklässler hörten ihren Vorlesern aufmerksam und mit sichtbarer Freude zu, manche wollten auch selber lesen oder erzählen, und einige fragten sogar, ob wir sie am nächsten Tag wieder besuchen kommen würden.
Am Ende dieser erfahrungsreichen 45 Minuten trafen wir uns dann noch einmal mit Frau Mattenklodt. Dabei erzählten wir der jeweils anderen Gruppe von unseren Eindrücken aus dem Unterricht. Außerdem erfuhren wir noch einige interessante Fakten, beispielsweise über die Lehrmethoden beim DaZ-Unterricht oder dass die Außen- und Flurtüren der Schule aus Sicherheitsgründen während der Stunden geschlossen bleiben müssen.

Insgesamt war diese Exkursion für alle Beteiligten ein lehrreiches und unterhaltsames  Ereignis.

A. Lippmann, H. Daßler (9b)

Deutschsprachiger Islamunterricht

Ja, ihr habt richtig gehört, Islamunterricht! Das hört sich für viele sicherlich etwas befremdlich an, aber der Islamunterricht ist in Bayern schon relativ weit verbreitet. Was lernen die wohl in der Schule? Wie läuft der Unterricht ab? Genau das habe ich mich auch gefragt, als wir, die 9b,  am Dienstag, den 10.01. im Rahmen unseres Türkeiprojektes einen Unterrichtsgang zur Gangolfschule machten. Die Islamgruppe bestand aus acht Schülern zwischen sieben und acht Jahren, die nicht nur aus verschiedenen Jahrgangsstufen kamen (erste und zweite Klasse), sondern auch aus verschiedenen Ländern (die meisten aus Marokko, aber auch die Türkei, der Kosovo und Mali waren vertreten). Interessant war, dass die Kinder alle in Deutschland geboren waren und nur die Eltern ihre Wurzeln im Ausland hatten.
Zu Beginn der Stunde stellten sich alle Kinder kurz vor, viele in relativ gutem Deutsch. Die meisten Schüler waren eher schüchtern und still, aber einige redeten auch wild durcheinander, insbesondere zwei auffällig hyperaktive Jungen. Diesen musste sich der Lehrer immer wieder pädagogisch zuwenden und sie zur Ordnung rufen. Aber auch die anderen Kinder durften sich in ihrem persönlichen Mitteilungsbedürfnis einbringen, weil es nur so wenige waren. Ein großer Unterschied zu unserem Religionsunterricht war, dass einige Kinder Suren des Korans auswendig auf Arabisch vortragen konnten, die die zu Hause gelernt hatten. Im Unterricht durften sie nun ihr Können zeigen. Herr Massarat erzählte später, dass auch im deutschsprachigen Religionsunterricht nach und nach einige wichtige Suren in Arabisch gelernt werden, dass dies aber nicht der Schwerpunkt des Unterrichts sei. Wie wir arbeiteten die Kinder mit einem Religionsbuch eines deutschen Schulbuchverlags, das nicht nur den Islam behandelt, sondern ebenso ethische Fragen des Zusammenlebens und auch andere Religionen. Wir erfuhren, dass einmal im Jahr alle Religionsgruppen gemeinsam eine katholische Kirche, eine evangelische Kirche und eine Moschee besuchen, wo die Kinder Gemeinsamkeiten und Unterschiede der einzelnen Gebäude erkunden.
Im zweiten Teil der Stunde erzählte uns ein Junge, was Jesus bei den Moslems bedeutet. Im Islam ist Jesus ein großer Prophet, aber nicht der Sohn Gottes. Auch sei er nicht selbst am Kreuz gestorben, sondern nur ein Mensch, der ihm ähnlich sah! Stattdessen wurde Jesus zu Gott erhöht. Außerdem erfuhren wir, dass Maria im Islam als die heiligste Frau gilt. Weil sie bei der Geburt Jesu nicht verheiratet war, wurde sie angegriffen, doch Jesus konnte bereits als Säugling sprechen, um sie zu schützen. All diese "Besonderheiten des Propheten Jesu und seine Wunder" waren in einem Tafelbild übersichtlich zusammengefasst. Erstaunlich war, dass manche Kinder regelmäßig in die Moschee gingen,  andere selten bis gar nicht. Es war sogar ein Kind dabei, das gar nicht wusste, was eine Moschee ist! So erfuhren wir auch, wie verschieden die Migrantenfamilien sind, was die Religion angeht.
Manche vertreten eine sehr strenge Auslegung des Islam, andere haben eine eher liberale Auffassung, wieder anderen ist die Religion ziemlich gleichgültig. Diese Unterschiede führen auch bisweilen zu Problemen, etwa wenn es für strenggläubige Eltern unverständlich ist, wenn ein Islamlehrer keinen Bart trägt oder wenn für einen eher konservativen Vater eine Lehrerin im T-Shirt oder mit kurzem Rock "nackt" daher kommen würde, was natürlich im Vorfeld durch eine angemessene Wahl der Kleidung vermieden wird. Herr Massarat musste nach der Stunde leider sofort nach Forchheim fahren, wo er - wie noch an anderen Orten - ebenfalls unterrichtet. Diese Arbeit bedeutet für ihn jede Woche viele hundert Kilometer Autofahrt, ein Sich-Einstellen auf verschiedene Schulen, auf Elternhäuser mit oft völlig unterschiedlichem sozialen und kulturellen Hintergrund und eine Vielzahl von mehr oder weniger lebendigen Kindern, denen er den Islam in deutscher Sprache und auf der Basis unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nahe bringen möchte.

L. Polanski (9b)






Fotos: A. Kestler - Anklicken vergrößert!

23. 01. 2012/Th